Linde SALBER: Tausendundeine Frau - Die Geschichte der ANAÏS NIN (Reinbek / Rowohlt Verlag 1995 - 634 S.)

Neue Auflage erschienen im Psychosozial-Verlag / Edition Kore / Dezember 2002 .     

       Anaïs Nin -Tausendundeine Frau (634 Seiten)

ANGEFANGEN HAT DIESE Geschichte in einer ganz anderen Welt – ohne Atombombe, Fernsehen, Computer und Raumstation, vor den Welt- kriegen, vor der Umweltzerstörung. In den Städten sieht man noch Pferde und Kutschen. Am Abend glimmt das warme Licht der Laternen in den Straßen. Die Herren haben einen steifen Kragen und tragen einen Hut. Die Damen bedecken ihren Kopf mit phantastischen Gebilden und sind in lange Gewänder gehüllt; unziemlich wäre es, das entblößte Bein zu zeigen. Ein enges Mieder hält die Figur zusammen. Ende der Belle Époque. SIGMUND FREUDs «Traumdeutung» ist bereits erschienen, auch seine «Psychopathologie des Alltagslebens». In einem Text GUILLAUME APOLLINAIREs findet sich 1903 das Eigenschaftswort «surreal». Das zwanzigste Jahrhundert hat gerade begonnen.

Ein junger Künstler, «kalt, bleich, aristokratisch, steif», läßt sein Töchterchen posieren. Photographieren ist noch eine Beschäftigung weniger gestaltungsbewußter Menschen. Es wird nicht einfach auf den Knopf gedrückt. Ein Bild wird komponiert. Der Vater schaut durch den Apparat, dann hebt er den Kopf und betrachtet prüfend das Objekt, nähert sich ihm und ordnet Dekor, Hintergrund und Haltung des Kindes. Es soll ein schönes Bild werden, das er als sein eigenes Produkt vorzeigen kann. Das kleine Mädchen darf sich nicht bewegen. Den Anordnungen des Vaters folgend, verharrt es in einer bestimmten Position. Der Vater schaut noch einmal durch die Kamera, nähert sich noch einmal dem Objekt, um ein paar Kleinigkeiten zu verändern, überprüft Belichtung, und Entfernung und drückt schließlich auf den Auslöser. Ob es sich wieder bewegen dürfe, fragt das kleine Mädchen, hopst aus dem Bild und möchte wissen, ob es seine Sache gut gemacht hat. Es werde ein schönes Bild sein, wiederholt der Vater. Der Wunsch des kleinen Mädchens, sich zu zeigen, harmoniert mit dem Interesse des Vaters, zu schauen und abzubilden. Nähe und Distanz, die dazu erforderlich sind, bestimmt er.

«... wie er mich immer wieder photographiert hatte. Er machte gern Photos von mir im Bad. Er wollte immer, daß ich nackt war. Alle seine Komplimente erreichten mich durch die Kamera. Seine Augen waren zum Teil hinter schweren Gläsern verborgen (er war kurzsichtig) und dann noch einmal hinter der Linse der Kamera. Ich fand es herrlich. Herrlich. Wie oft, an wie vielen Orten habe ich für ihn gesessen, für zahllose Bilder... Und das war die einzige Zeit, die wir miteinander verbrachten.»

Das kleine Mädchen gewöhnt sich daran, den Regieanweisungen des Vaters zu folgen. Was es bedeutet, zum Objekt für ein schönes Bild gemacht zu werden, kann es noch nicht ermessen. Doch die Würfel sind gefallen. ANAÏS spürt, daß sich ihr Leben glücklich gestaltet, wenn sie die Forderung nach Schönheit erfüllt. «Seine Augen mußten beschworen oder, wie die Augen eines fordernden Gottes, freundlich gestimmt werden.» Stolz signiert der Vater später seine Photographie und präsentiert sie Verwandten und Freunden. Das Kind bemerkt, daß es vorgezeigt wird. Es ahnt jedoch nicht, daß der Vater, wenn er das Kind durch die Kamera sieht, eine Wirklichkeit wahrnimmt, die auf dem Kopf steht, auch das kleine Mädchen. Alles erscheint ihm verkehrt herum. Der Vater gefällt dem kleinen Mädchen, er sieht gut aus, «dunkelhaarig, blauäugig, mit zartem Teint, schmaler, gerader Nase, schönen, regelmäßigen Gesichtszügen, schönen Zähnen, und er hatte feine Manieren».

I899 war JOSE JOAQUIN MIGUEL NIN y CASTELLANOS, kaum zwanzig Jahre alt, aus Barcelona in seine Geburtsstadt Havanna geflohen, um dem spanischen Militärdienst zu entgehen. Nach einer anderen Version hatte er in Barcelona eine Affäre mit einer jungen Schülerin, mit der er durchbrennen wollte. Im streng katholischen Spanien der Jahrhundertwende war das eine Angelegenheit, die die Familienehre des Mädchens tangierte. Deren Bruder sann auf Rache und drohte, den verwegenen Liebhaber zu erschießen, was diesen veranlasste, in Begleitung seiner Mutter das Weite zu suchen. ...

                               LINDE SALBER, Auszug aus: Tausendundeine Frau – Die Geschichte der ANAÏS NIN