Anaïs Nin

Was ist Realität? Tief in uns ist sie so schwer faßbar wie ein Traum, und wir sind keines Ereignisses sicher.

                   Anaïs Nin

«ANAÏS ist eine Legende. Das müssen Sie einfangen», hat HENRY MILLER einmal gesagt. Ich glaube, man muß durch viele Legenden hin- durch. Wie Scheherezade in Tausendundeiner Nacht lebt ANAÏS NIN Geschichten, welche den jeweils geliebten Menschen so fesseln sollen, daß er sie am Morgen nicht dem Tode, sondern dem Leben übergibt. Trennung und Tod, Liebe und Verlebendigung sind in einem verschlung- enen Verhältnis das Thema, um welches sich Alltag, Tagebücher, Romane und Erzählungen kristallisieren.

Häufig ist ihr Handeln durch Wiederholung kindlichen Leids geprägt, begleitet von der verzweifelten Anstrengung, ein so  liebenswerter Mensch zu werden, daß niemand sie mehr verläßt. Als Tochter eines zwangsneurotischen Musikästheten entwickelt sie sich zur ambitionierten Schrift- stellerin und zu einer vielseitig liebenden Frau. Als Tochter einer von der Lebensnot bedrängten Mutter erwirbt sie Züge einer Karitas-Gestalt. Verheiratet mit einem Bankfachmann, der sich wie sie für Kunst und Literatur interessiert, wächst sie in die Rolle einer liebenswürdigen Ehe- frau hinein. Bedrängt von der fixen Idee, das eigentliche Leben finde anderswo statt, führt sie ein Doppelleben und gerät in die Not von Lüge und Verstellung. Mit ihrem Tagebuchwerk wird sie schließlich im Amerika der siebziger Jahre als Chronistin der sogenannten inneren Reise, als Kultfigur und Guru verehrt.

Viele Versuche hat sie unternommen, ihrem Dasein eine Fassung zu geben, und manches hat sie angestellt, um auch wieder außer Fassung zu geraten und neu beginnen zu können.

Die Verwandlungskünste einer Frau der Postmoderne zeigen sich wie auf einer Drehbühne. Ein Grundgefühl der Unruhe, welche sich nicht selten bis zu Umtriebigkeit steigert, läßt ANAÏS NIN das Leben als Experiment der Selbsterforschung gestalten. Sie nennt das häufig Ausloten, manchmal auch Archäologie.

Realität hat ANAÏS NIN in ihrer Kulissenhaftigkeit erfahren, als Theater. Andere Möglichkeiten, andere Stücke, noch nicht durchgespielte Rol- len locken und provozieren ein Überschreiten des Realisierten. Traum und Wirklichkeit hat sie partout deckungsgleich machen wollen. Bei ihren Gratwanderungen, Höhepunkten und Abstürzen erleidet sie jedoch immer wieder, daß sich etwas entzieht, das sich kaum namhaft machen läßt. Das sucht sie dann durch Wechseln einzufangen: ... ich sehe mich und mein Leben jeden Tag anders... Ich spiele tausend Rollen... Wegen meiner Veränderbarkeit ist es unmöglich, mich zu portraitieren... Ich liebe Kostümierungen... Als ich fünfzehn Jahre alt war, wollte ich Johanna von Orleans sein und später Don Quijote. Zur Bühnenwelt gehören Probe und Auftritt des Schauspielers sowie die Ergänz- ung durch Zuschauer. Sein privates Leben bleibt meist legendenumwoben. Auftritt bedeutet kunstvoll-künstliches Herstellen von Verwandlung. Paradox formuliert könnte man sagen, Künstlichkeit wurde der ANAÏS NIN zur Natur. Und doch ist gerade der Auftritt von der Hoffnung be- stimmt, mit der jeweiligen Rolle in der jeweiligen Inszenierung eins zu werden, das heißt, das Gefühl der Künstlichkeit aufzuheben und vom bislang Realisierten abrückend mehr und anders und ganz werden zu können.

Die ihre eigene Verwandlung störende Abhängigkeit von den Reaktionen der Zuschauer hat ANAÏS NIN zu überwinden getrachtet, indem sie ihr Tagebuch wie ihre Romane zum Aktionsort erster Güte bestimmte. Dort inszeniert und probt sie, dort tritt sie auf und vervielfältigt sie sich, und dort übernimmt sie selbst auch die Rolle des Zuschauers, der kritisiert oder applaudiert: ...ich werde nur die Welt akzeptieren, die ich selbst gemacht habe. Es war mir wohler dabei, wenn ich mich selbst zur Romanfigur machte... Ich konnte mich für alle Experimente verwenden, war proteisch, unbegrenzt.

Einen Faden, der ihre Auftritte in den vielen Kammern des Labyrinths verbinden kann, glaubt sie allein mit Hilfe der Tiefenpsychologie finden zu können. Vom 28. Lebensjahr an wird ihre Geschichte – von wenigen Unterbrechungen abgesehen – durch die Analyse begleitet. Tagebuch und Roman sind Ausdruck einer lebenslangen Selbstanalyse. Das Bedürfnis nach intimer Kenntnis führt uns zum einzigen aufrichtigen «Ich» zu- rück, das erprobt und erlebt hat, was es beschreibt. Ihr Schreiben interpretierend betont sie immer wieder, sie wolle Psychologie lehren, Tie- fenpsychologie. Dazu fühlt sie sich besonders herausgefordert durch ein Amerika, dessen Seelenkultur nach ihrer Einschätzung einem oberflächlichen Pragmatismus wirtschaftlicher und politischer Interessen zum Opfer fiel. Die späte Anerkennung ihres Werkes Mitte der sech- ziger Jahre – ihr erstes Buch wurde 1932 in englischer Sprache in Paris veröffentlicht – steht durchaus im Zusammenhang mit einem auf- kommenden Psychologie-Boom in Amerika, der seine Vorbereitung in den alternativen Lebensformen der sogenannten Blumenkinder und in den Erfahrungen der Bewußtseinserweiterung durch die Droge LSD hatte und schließlich in das «New Age» mündete.

Von ihrem elften Lebensjahr an bis zu ihrem Tod hat ANAÏS NIN Tagebuch geschrieben. Bislang wurde ein Teilausschnitt von insgesamt 35000 handgeschriebenen Seiten veröffentlicht. Über eine solche Fülle von bezeugtem Leben müßte sich ein Biograph eigentlich freuen. Es erspart ihm viel Mühe bei seiner Ausgrabungstätigkeit, könnte man meinen. Sie hat alles sagen wollen, was sich irgend sagen läßt; jedenfalls gilt das, was ihre bewußte Absicht angeht. In den Originaltagebüchern, die sie seit ihrer Heirat wohlverschlossen, später sogar in Banksafes aufbe- wahrt, liegt alles offen vor Augen, und doch gewinnt der Leser den Eindruck, die Fülle des Formulierten und Notierten führe ihn in ein Dickicht, in welchem sich ANAÏS NIN auch verliert und versteckt.

Es gibt Situationen, da macht man viele Worte, um das eine Wort nicht sagen zu müssen, das einen so zeigen könnte, wie man sich selbst nicht sehen möchte und wie man nicht gesehen werden will. Das ähnelt der therapeutischen Situation, wenn sich ein Analysand durch Über- produktion von Sätzen unerkennbar macht. Zudecken mit Material haben Analytiker das genannt. So muß man sich fragen, gegen was ANAÏS NIN anschreibt. Worin ist die Unruhe, die sich im Schreiben entlädt, begründet? Wogegen ist das Schreiben gerichtet, was soll es stillegen? Welchen Schmerz sollen die vielen Worte lindern, und wovon lenken sie ab?

Das Tagebuch ist ein flexibles Mittel der Selbstbehandlung. Es dient der Bewältigung aktueller Erlebnisse und Handlungen. Dem Augenblick entsprechend mag gelegentlich ein Verdecken und Nichtverstehen von Zusammenhängen hilfreicher sein als nüchterne Analyse und Einsicht. Die Wahrheit war nicht einfach und zergliederbar, sie schwankte und war nicht zu fassen. Seelische Verhältnisse sind sich selbst nicht durch- sichtig. Um damit leben zu können, produziert der Tagebuchschreiber seine perspektivische Wahrheit, und zwar nach Maßgabe der jeweiligen Lebenssituation. Er wendet sich ausdrücklich zurück auf seine Lebensvollzüge und hebt aus dem Fluß des Geschehens etwas heraus, so daß sich Haupt- und Nebenwege sondern. Er holt Erlebtes wieder, um es zu gruppieren und gewichten zu können.

Bei ANAÏS NIN ist das Tagebuchschreiben darüber hinaus Ausdruck einer Notwendigkeit, sich der Faktizität des Erlebten zu vergewissern. Ich entdecke immer und immer wieder, daß das Tagebuch eine Anstrengung gegen das Dahinschwinden ist, gegen das Verlieren, gegen das Ster- ben, gegen die Entwurzelungen, gegen Verfall und Unwirklichkeit. Ich habe das Gefühl, daß ich etwas rette, wenn ich es in das Tagebuch auf- nehme. Dort ist es lebendig. Mit dem Festhalten geht zugleich ein Wechsel der Position einher. Aus der Rolle eines bedrängten Akteurs schwingt sich der Tagebuchschreiber zur Rolle des gelassenen Kommentators auf. So wird das Tagebuch zu einem Schauplatz eigener Art. Es wird zur Werkstatt der untrennbaren Einheit von Leben und Literatur. Indem der Schreiber seine Aktionen und Erfahrungen im Medium der Sprache formulierend wiedergewinnt, gibt er ihnen eine neue Gestalt. Ï

So wäre das Tagebuch nur von Interesse für seinen Schreiber? Das Interesse der Leser an den Tagebüchern der ANAÏS NIN widerspricht dem. Mit der Veröffentlichung ihrer Tagebücher gestattet ANAÏS Nin ihnen, am Beispiel ihrer besonderen Lebens- und Schreibensgeschichte den Umschwung vom Akteur zum Betrachter mitzuvollziehen. Damit eröffnet sie einen Doppelprozeß; die Leser können zum «Rohmaterial» der Er- eignisse wie zu den Kommentaren der ANAÏS NIN Stellung nehmen. Auf diese Weise geraten sie in die Verfertigung einer Lebensgeschichte hinein, deren Ausdeutung sie mitverfassen, das eine Mal auf der Linie der Verfasserin, ein andermal auf eigenen Wegen. Die Tagebücher er- öffnen den Lesern Spielräume der Auslegung.

Zudem werden die Leser einbezogen in die Entwicklungskünste des Schreibens der ANAÏS NIN. Während die frühen Tagebücher Einblick ge- währen in den Versuch des Kindes, die plötzliche Trennung von einer vertrauten Welt schreibend zu bewältigen, zeigen die Tagebücher der er- wachsenen ANAÏS NIN ihren Kampf um eine eigene Stellung als Schriftstellerin. Sie spiegeln den risikoreichen Versuch einer Frau, Selbst- behandlung durch das Schreiben in Richtung literarischen Gestaltens zu überschreiten. In Anlehnung an D. H. LAWRENCE entwickelt sie ihre eigene Auffassung von Literatur als Übergang zwischen vermeintlich Getrenntem, wie: Oberfläche und Tiefe, Realität und Traum, Bewußtem und Unbewußtem, Banalem und Entwickeltem, Ereignis und Mythos, Tatsache und Symbol. Dualität, Spaltung, Auseinanderbrechen sind Grunderfahrungen ihres Lebens. Beschwörung und Belebung von Untrennbarkeit, Transformation und Verwandlung werden zum Programm ihres Schreibens.

                                 LINDE SALBER, Auszug aus: ANAÏS NIN Monographie, 1992