FRIDA KAHLO hatte keine Scheu vor Gesten der Selbststilisierung. Auch für die Nachwelt ist sie eine Figur mit der Aura des Revolutionären. Die Art, wie sie mit den Mitteln der Malerei das durch einen Unfall verursachte Leiden ihres weiblichen Körpers in Szene setzte, ist zudem ein Moment, das FRIDA KAHLO für eine Kultfigur der Frauenbewegung prädestiniert. Auch ihre glücklich-unglückliche Liebe zu dem mexikanischen Revolutionsmaler DIEGO RIVERA, den sie zweimal heiratete und der ihr mit seinen vielfältigen Liebesbeziehungen das Leben nicht gerade leichtgemacht hat, spielt eine Rolle. Ebenso wichtig ist FRIDA KAHLOs Umgang damit. Als Tochter der mexikanischen Revolution löste sie sich vom tradierten Bild der Frau und nahm schließlich für sich dasselbe Recht auf sexuelle Freiheit in Anspruch. Ihr Erfolg als Malerin – bereits 1939 erwarb der Louvre ein Selbstporträt (Der Rahmen) der Zweiunddreißigjährigen – wird von vielen als Präzedenzfall dafür gewertet, daß sich eine Frau auch auf dem Gebiet der Kunst durchsetzen kann.
In ihrem malerischen Werk, das man als künstlerische Autobiographie eingeschätzt hat, meint man die Selbstkonfrontation, Selbstauslegung und Selbstbespiegelung eines Frauenlebens sehen zu können. Seit FRIDA KAHLO von der Frauenbewegung in den USA wie in Europa in den achtziger Jahren wiederentdeckt und vereinnahmt wurde, folgt eine Hommage der anderen, so zum Beispiel die Ausstellung „Pasion por Frida“ in San Francisco in „The Mexican Museum“, Sommer 1992, wo auch einzelne Bilder und Zeichnungen der Künstlerin ausgestellt wurden.
Befremdlich wirken die Objekte, die im Museumsshop zu erwerben sind. Man kann nicht umhin, sie als Heiligenandenken zu bezeichnen: Uhren mit FRIDA KAHLOs Antlitz auf dem Zifferblatt, Ohrringe mit ihrem Foto, Sticker mit den charakteristisch zusammengewachsenen Augenbrauen, in Metall gefaßte Fotos nach Art von Ikonen, T-Shirts und Jeansjacken mit dern Aufdruck von Fotos oder Selbstporträts der Malerin, Reproduktionen des Schmucks, den sie trug, und vieles mehr. Wortschöpfungen wie „Fridomanie“ oder „Fridolatrie“’ bringen das Phänomen auf den Punkt. Ihre Lebensgeschichte wurde in dramatischen Schauspielen und Filmen reinszeniert. Die Schauspielerin MADONNA, die zwei Gemälde der KAHLO besitzt (Marktwert über eine Million Dollar), möchte als FRIDA KAHLO auf der Kinoleinwand erscheinen.
1984 erklärte die mexikanische Regierung FRIDA KAHLOs Werk zum nationalen Erbe. Eine regelrechte Andenkenindustrie vermarktet FRIDA KAHLO wie eine Nationalheilige. So wird aus Kunst im Handumdrehen Kitsch. In allen möglichen Geschäften in Mexico City begegnen einem die Objekte wieder. Schon im Flughafen kann man Frida KAHLOs kleinformatige Bilder auf großflächigen, glänzenden Postern sehen. Etwa vierzig Jahre nach ihrem Tod ist FRIDA KAHLO durchaus „anwesend“. Im Schaufenster eines Antiquitätengeschäfts in Mexico Citys Einkaufs- viertel «Zona rosa» hängt ein Originalfoto, das die Künstlerin LOLA ALVAREZ BRAVO aufgenommen hat. Der Händler verwahrt in seinem Safe ein Päckchen Briefe von einem gewissen Dr. JOSE MARIA CARLEJOSA aus den Jahren 1945 – 1947; es sind Liebesbriefe an FRIDA KAHLO. Der Händler erbietet sich, einen Kontakt zu vermitteln mit ESTHER VELASQUEZ PENA, der Witwe des verstorbenen mexikanischen Malers AGUIRRE. Sie besitze Liebesbriefe, die FRIDA KAHLO an AGUIRRE geschrieben hat, und trage sich mit der Absicht, ein Buch über FRIDA KAHLOs Liebhaber zu schreiben. Die mexikanische Biographin MARTHA ZAMORA erteilt bereitwillig Auskunft über ihre Sicht von FRIDA KAHLO und berichtet, daß sie für den Abdruck eines Bildes von FRIDA KAHLO 195 US-Dollar an die mexikanische Regierung habe zahlen müssen.
Über FRIDA KAHLO ist viel geschrieben worden. Darüber hinaus zeigt sich die Wirkung von Werk und Lebensgeschichte der Künstlerin darin, dass andere sie als Vorwurf für eigene Werke – Gemälde, Installationen, Skulpturen, Theaterstücke – wählten. In Bonn gab es im April 1992 eine Ausstellung lateinamerikanischer Künstlerinnen zu Ehren FRIDA KAHLOs.
Auch ein Video gehörte zur Ausstellung: ein Rollstuhl, ein Schrei, eine Fahrt durch Wüstenlandschaft, eine transparente Wirbelsäule, Mörtel, Sand, Erde, Höhlung, Wasser, stachelige Pflanzen. Rauch, Stahlwirbelsäule inmitten von Pflanzen, dampfende Erde, abgehackte Bäume, Bewegung hinter Drahtverhau, Stahlwirbelsäule, Vulkan, gelbrote Eruption, wildes Tier hinter Drahtzaun, sich drehende Erde, Dampf, Stahlgerüst mit Dornfortsätzen, Ausbruch glühender Lava, Autobahnfahrt wie zu Beginn, Stahlgerüst: Am 13. Juli 1954 ist FRIDA KAHLO gestorben, 44 Jahre alt, lautet der kommentierende Text (sie war 47). Das Video heißt „Requiem für Frida Kahlo“. Der Text dazu: „Angst, Schreie hilflos gegen sich selbst gerichtet, [...] unwiederbringlich Verlorenes im eigenen Körper, [...] tobende Lebensenergie gegen Dauerschmerz trotzt [...], bannend fragender Blick, bohrend stiller Schrei [...] auf der Suche nach Antwort noch jenseits des Todes [...]; trotzdem immer wieder strahlende Lebenslust!“ Das Stahlgerüst stand als Objekt neben dem Fernsehgerät. Kurzbiographie einer Leidensgeschichte könnte man diesen Film nennen.
FRIDA KAHLO – eine Märtyrerin? So hat man häufig ihr Leben interpretiert. Aber FRIDA KAHLO ist in der Dramatik ihres Lebens durchaus auch zu ihrem Recht gekommen, manchmal mit menschlich-allzumenschlichen Tricks und verzweifelten Winkelzügen, indem sie ihren lädierten Körper instrumentalisiert hat, um Menschen an sich zu binden. Dafür hat sie, nach Ansicht ihres Arztes Dr. LEO ELOESSER, selbst den Preis von Operationen auf sich genommen.
Die Vereinnahmung von FRIDA KAHLO durch die Frauenbewegung hat zu einer beschränkten Auslegung des Werkes geführt. Will man seiner Eigenart gerecht werden, darf man es nicht auf den paradigmatischen Ausdruck eines Frauenlebens reduzieren.
Erst allmählich gerät in den Blick, was es bedeutet, daß die Bilder nicht im Klima der US-amerikanischen oder der europäischen Kultur entstan- den sind. Die mexikanische Kultur ist trotz ihrer Vergewaltigung durch den spanischen Kolonialismus – vom 16.Jahrhundert an hieß Mexiko Neu-Spanien – eine Kultur ganz eigener Art, dem Europäer wie dem Nordamerikaner von Grund auf fremd und in seiner inneren Beschaffenheit vielleicht überhaupt unzugänglich. MARTHA ZAMORA gibt zu verstehen, daß eigentlich nur eine Mexikanerin angemessen über Leben und Wir- ken von FRIDA KAHLO schreiben könne.” Was den Europäer ANDRÉ BRETON bei den Bildern der KAHLO an Surrealismus denken ließ, ist im Kontext der mexikanischen Lebenswelt und Kultur etwas anderes. Entstehung und Bedeutung des Surrealismus sind begründet in einem erleb- ten Mangel, der von der kopflastigen, verwissenschaftlichten, auf das Rationale reduzierten „faustischen“ Kultur Westeuropas ausging. CARLOS FUENTES stellt fest: «Frida Kahlo erinnert (mit Posada) am nachhaltigsten daran, daß das, woraus die französischen Surrealisten ein System machten, in Mexiko und Lateinamerika stets alltägliche Wirklichkeit war, Teil des kulturellen Stroms, eine spontane Verschmelzung von Mythos und Tatsache, von Traum und Wachsein, Vernunft und Phantasie.“
Sitten und Bräuche Mexikos weisen hin auf eine eigenartige und andere Beziehung des Menschen zu Zeit und Tod. Im Werk der KAHLO zeigt sich der Zusammenhang mit der mexikanischen Tradition, mit der durch die vierhundertjährige Kolonisierung gebrochenen Tradition und den durch die Revolution wiederbelebten präkolumbianischen Eigentümlichkeiten
LINDE SALBER, Auszug aus: FRIDA KAHLO Monographie, 1997

1907 geboren, hat die mexikanische Malerin FRIDA KAHLO ihren Lebensbeginn eigenwillig auf das Jahr 1910 verlegt. Das geschah allerdings nicht in dem eitlen Bemühen, dem Alter ein Schnippchen zu sch1agen. Das Jahr 1910 markiert vielmehr einen zentralen Wendepunkt in der Geschichte Mexikos. Der Beginn der Unabhängigkeitskämpfe von der spanischen Kolonialherrschaft lag hundert Jahre zurück und wurde vom Volk begeistert gefeiert. Nun galt es, sich von der am spanischen Vorbild orientierten mexikan- ischen Regierung des Diktators PORFIRIO DIAZ zu befreien. Im Mai 1910 erschien Halleys Komet über Mexico City – worin mancher ein Omen für den Erfolg der Revolution sehen wollte, die in diesem Jahr ausbrach.