Den Namen LOU ANDREAS-SALOMÉ verbinden wir heute weniger mit ihrem literarischen Werk und ihren Essays über Kunst, Religion, Erotik und Psychoanalyse als mit drei großen Repräsentanten der deutschen Geistesgeschichte: FRIEDRICH NIETZSCHE, RAINER MARIA RILKE und SIGMUND FREUD. Als Lous erste Bücher erschienen, ging ihr der Ruf voraus, sie habe einen Heiratsantrag NIETZSCHEs abgelehnt. Das übte – neben ihrer persönlichen Wirkung – auf die meisten Menschen ihres Umgangs einen besonderen Reiz aus.

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Lou Andreas Salomé

Leben und Werk der LOU ANDREAS-SALOMÉ rufen Kritik wie Begeisterung hervor. Wieweit man ihren Werken künstlerischen Rang zuerken- nen kann, ist durchaus umstritten. In ihrer Zeit schätzte man ihre Werke sehr. ALBERT SOERGEL widmete ihr einen ausführlichen Abschnitt in seiner Darstellung der „Dichter und Dichtung der Zeit“ des Naturalismus und seiner Gegen- und Nebenströmungen von Symbolismus und Neu- romantik. Maßgebliche Literaturkritiker der Jahr hundertwende, wie die Brüder HART, lobten sogar ihr pseudonym erschienenes Erstlingswerk Im Kampf um Gott, was Lou belustigte. Der Philosoph PAUL DEUSSEN, Schopenhauerianer und Übersetzer altindischer Philosophie, muß nach Lektüre des Buchs gestehen, daß er viel Geist darin gefunden und sich in diesen Geist verliebt habe. Lous Biographin ANGELA LIVING- STONE spricht dem Werk jeden künstlerischen Wert ab wegen der dekorativ überladenen, geschwollenen und pathetischen Sprache und der vagen Andeutungen von tieferem Sinn. Darin spricht sich ein Urteil aus, das wir heute fällen können, das aber der Bedeutung des Werkes in seiner Zeit nicht gerecht wird. Immerhin wurde NlETZSCHE von einem Gedicht der Zwanzigjährigen zu Tränen gerührt. Auch wenn uns das Le- bensgefühl von Neuromantik und Symbolismus nach zwei Weltkriegen, nach Dadaismus und Existentialismus mit Recht etwas fremd geworden ist, müssen wir doch würdigen, daß ihr Werk an einer literarischen Umwälzung teilhatte. SOERGEL zählt sie zu den ganz Jungen, die bei aller Verschiedenheit ihrer künstlerischen Ziele das kritische Gefühl beherrschte: Los von der Tradition, von der Tradition im Leben wie in der Kunst! Das Dichten der LOU ANDREAS-SALOMÉ leite über „von den tendenziösen Temperamentkünstlern, die mit Pathos eine gewisse Tendenz ein- bläuen, zu den Intellektuellen mit Kunstverstand, von den Anklägern zu den seelischen Analytikern, von den Beobachtenden zu den Kombi- nierenden, vom Naturalismus zum Symbolismus... von den Herrschaftsjahren ZOLAs zu den Herrschaftsjahren NIETZSCHEs“.

Loslösung von der Tradition bedeutet Chance für neue Lebensansichten und Verlust von Stabilität zugleich. LUDWIG FEUERBACHs und ERNEST RENANs psychologische Analyse des Christentums sowie PAUL BOURGETs Rekonstruktion der zeitgenössischen Psychologie im Roman hatten eine Sichtweise eröffnet, die dem irdisch-menschlichen Leben eine neue Dignität verlieh. NIETZSCHEs zugespitzte Einsicht des „Gott ist tot“, seine radikale Kritik an der dekadenten westlichen Kultur, seine „Umwertung aller Werte“ sowie seine Ablehnung der philosoph- ischen Konstruktion von „Hinterwelten“ führten zur Grundlegung einer neuen Psychologie, die in der Literatur breite Wirkung entfaltete – auch im Werk LOU ANDREAS-SALOMÉs.

RILKEs Dichtung, die sich den seelischen Leiden des modernen Menschen zuwandte, der orientierungslos nach neuen Geborgenheiten sucht, entwickelte sich im Austausch mit ANDREAS-SALOMÉ. In ihrer Liebe zu RILKE hat Lou an der Schöpfung einer neuen dichterischen Sprache, die ihr eigenes Wollen und Können übersteigt, Anteil. Neben dem Philosophen und dem Sprachkünstler steht der Psychologe SIGMUND FREUD. Er entwirft sein neues Bild vom Menschen, indem er von den seelischen Konflikten und Krankheiten des Menschen in der viktorian- ischen Zeit ausgeht. Er untersucht, was Lou immer wichtig war, die Wirksamkeit dunkler, unbewußter Kräfte, die die hohen Werte des bürger- lichen Menschen wie Anstand, Ordnung, Fleiß, Sauberkeit jederzeit umzustürzen drohen.

Wie viele andere Intellektuelle suchten NIETZSCHE, RILKE und FREUD den Umgang mit Lou. Sie fanden in ihr eine Frau, die sie herausforderte, anregte und ihren Gedanken einen adäquaten Widerhall gab, da sie in der Lage war, sie zu verstehen und selbständig fortzusetzen. Ihr klarer Intellekt, ihre mitreißende Phantasie, ihr Drang, das Unkonventionelle zu wagen, hat sie alle fasziniert.

Lous Reiz steigerte sich noch dadurch, daß trotz der aktuellen Gemeinsamkeit mit einem von ihnen doch spürbar war, sie werde sich nicht ver- einnahmen lassen. Bei aller Zuneigung zu dem anderen behielt sie sich das Recht vor, in einem nur ihr bekannten Augenblick sich von ihm ab- zuwenden, um ihr Leben in eigener Regie fortzusetzen. Für diese Selbständigkeit und Unabhängigkeit war ihr kein Preis zu hoch. Man hat sie deshalb als „femme fatale“ bezeichnet oder als Frau, die Männer wie Trophäen sammelt. Man sah in ihr aber auch eine Muse mit der außer- ordentlichen Fähigkeit, die Männer ihres Umgangs dergestalt zu befruchten, daß sie wenige Monate nach der Begegnung ein Geisteskind zur Welt brachten.

Andere verehrten in ihr das Ideal der autarken Frau, die selbst leidvollen Erfahrungen einen Zuwachs an Lebensglück abgewinnen konnte. Le- gendenbildung und Idealisierung werden dadurch begünstigt, daß Lou die Grenzen der männlich ausgelegten Vernunftwelt und den darin für die Frau abgesteckten Rahmen sprengt. Damit wird ihr Leben zu einem Sinnbild für die Möglichkeiten anderer Lebensformen. Rationalität und Be- herrschung zeigen nur eine Richtung an, nach welcher Wirklichkeit ausgelegt werden kann. Das ganze Leben der LOU ANDREAS-SALOMÉ zeigt uns aber auch die Probleme eines solchen Versuchs. In ihren literarischen wie in ihren psychoanalytischen Veröffentlichungen fragt sie im Grunde nach sich selbst als Kind, als Schwester älterer Brüder, als junges Mädchen, als Ehefrau, als Geliebte, als Nicht-Mutter, als Künstlerin, als Narziß. Sie fragt nach den Möglichkeiten, die das Leben ihrer Zeit bereitstellt, und nach solchen, die es verwehrt, wählt häufig das in ihrer Zeit „Unmögliche“ und beweist – zum Erstaunen und oft zum Entsetzen der anderen –, daß das als unmöglich Definierte gar nicht so festliegt.

Die Balanceprobleme zwischen der Vielfalt möglicher Rollen und einem umgrenzten Bild ihrer selbst sind der eigene Erfahrungshintergrund für ihr Interesse an psychologischen Fragen. Hier liegen ihr besonderes Können wie auch ihre Bedeutung für unser Verständnis der Kultur, in der wir heute leben. Werk und Leben der LOU ANDREAS-SALOMÉ zeigen am Beispiel des sich wandelnden Bildes der Frau grundlegende Pro- bleme eines Kulturwandels. Der Streit um die Bedeutung einzelner Werke ist demgegenüber weniger belangreich.

                                                               LINDE SALBER, Auszug aus: LOU ANDREAS-SALOMÉ Monographie, 1998