Die Tochter MARIA RIVA wirft „der DIETRICH“ vor, dass die Pflege der DIETRICH Legende für die Mutter wichtiger gewesen sei als die Gestalt- ung der privaten Beziehung zu Menschen, die ihre Nähe suchten und ihre Zuwendung brauchten. Der Biograph DONALD SPOTO behauptet, MARLENE DIETRICH habe sich selbst sogar mit der Legende verwechselt, die Regisseure, Filmproduzenten, Fans und sie selbst entwarfen. Die Lebensgeschichte des einzigen deutschen Weltstars lässt einen nachdenken über das Verhältnis von Wahrheit und Lüge, Sein und Schein, Realität und Fiktion. Der Betrachter erhält Einsicht in die Vielschichtigkeit menschlicher Selbstinszenierung. Ein jeder sucht seine Rollen und Auftritte auf den jeweiligen Bühnen seiner Zeit. Denn die Welt ist eine Bühne (SHAKESPEARE) – und wir alle spielen Theater. Schauspielern heißt: etwas vormachen, sich verwandeln, sich aufführen, sich zur Schau stellend spielen und seinen Halt in Rollen suchen.
Die Erfinding einer Legende oder die Belebung eines Mythos zielt darauf, die Vergänglichkeit zu überlisten. Das hat auch eine ganz banal-materielle Seite. Vom November 1995 bis zum Januar 1996 war in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn eine Auswahl von Objekten zu betrachten, die Marlene DIETRICH auf den verschiedenen Stationen ihrer langen Geschichte um sich gehabt hat. Alle diese Dinge sind einmal von ihr berührt worden: die Schuhe, die Hüte, die Roben, das goldene Zigarettenetui, das HEMINGWAY ihr gab, die von STERNBERG geschenkten Maskottchen (eine Afrikaner- und eine Chinesenpuppe), die Schrank-, Schmink- und Schmuckkoffer.
Requisiten oder Reliquien? Am 21. Oktober 1993 hatte ein Lastwagen aus den USA mit einem Großraumcontainer Berlin-Spandau erreicht. Man musste das Schloss aufsägen, da der Schlüssel verloren gegangen und auch kein „Dietrich“ zur Hand war, der dieses Sicherheitsschloss hätte öffnen können. Der Container enthielt den größten Nachlass in der Geschichte des Showbusiness. Insgesamt umfasst er etwa 100.000 Teile, „vielleicht die größte Sammlung an persönlichen Gegenständen und Objekten irgendeines Menschen aus unserem Jahrhundert“ über- haupt, meint der deutsche Regisseur VOLKER SCHLÖNDORFF. Maria Riva soll fünf Millionen D-Mark für den Nachlass erhalten haben.
Neben den in Bonn ausgestellten edlen Gegenständen finden sich in Berlin Amateurfilme, Bücher, Noten, Plakate, das Tagebuch des jungen Mädchens, Mobiliar, Hausrat und aller möglicher Kleinkram inklusive Hühneraugenpflaster. Einige Koffer haben ihr stummes Dasein in irgendwelchen Lagerhäusern gefristet und sind seit 1930 nicht mehr geöffnet worden. Man fühlt sich erinnert an das Öffnen von Särgen in Vampirfilmen.
Vieles wird der Besitzerin einfach in Vergessenheit geraten sein. Aber das meiste wurde doch aufgehoben, um für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Eine „Sammelleidenschaft“, die nichts als zu gering erachtete. Es fallen einem die Ägypter ein, die ihren Königen und Hohen Priestern bei der „Bestattung“ alle weltlichen Güter in das Grabmal stellten, damit sie bei ihrer Wiedergeburt nichts zu missen hätten. So sehr MARLENE DIETRICH auch ihre Bedeutung heruntergespielt hat, der Sachverhalt, dass sie all diese Dinge für aufhebenswert hielt, erzählt etwas anderes.
Die Dinge sollen beglaubigen, dass ihr Leben nicht nur eine Erfindung in der Flucht der Zeit war. Sie fungieren als Indizien für die Qualität des Wirklichen, die in jedem Mythos lebt. Die Dinge weisen nach, dass die Schauspielerin und Diseuse MARLENE DIETRICH mehr und anderes ist als ein artifizielles Trugbild, hervorgebracht durch fremder Leute Drehbuch und den Schein künstlichen Lichts.
LINDE SALBER, Auszug aus: MARLENE DIETRICH Monographie, 2001

Ihren Biographen warf MARLENE DIETRICH vor, sie hätten alles erfunden. Wie man das macht, hat sie selbst vorexerziert. Indem sie Schauspielerin wurde, hat sie ihr Auftreten, ihren Blick, ihre Beweg- ungen, ihre ganze Geschichte noch einmal entwor- fen. In ihren Memoiren setzt sich das fort. Marlenes Uberformung ihrer Geschichte zielt auf ein Drehbuch ab, in dem sie die Rolle einer Heldin bekommt, die, mit preußischen Tugenden ausgestattet, von Führer- gestalten durch Karriere und sonstigen Alltag bug- siert wird.