Nach 34 Ausgaben und über 350 Artikeln kann man wohl sagen, daß dieses Ziel erreicht wurde. Psychologen, die sich mit Spektrum und Möglichkeiten der morphologischen Psychologie in den unterschiedlichsten Lebensfeldern beschäftigten, hatten nun einen Ort für die Darstell- ung ihrer Untersuchungsergebnisse. Dabei ging es zum Beispiel um Themen folgender Art:
Integration von Vietnamflüchtlingen; Fahrrad, Clogs und Latzhose; Zur Psychologie des Parfüms; Stadtentwicklung in Entwicklung; Zweihundert Jahre Erfahrungsseelenkunde; Ärztliche >Kunst< und psychologische >Hilfe<; Video-Kunst und Video-Alltag; >Tages-Schau< im Seelenhaushalt; Schulpsychologische Arbeit an einer Gesamtschule; Der Alltag ist nicht grau; Tschernobyl. Radioaktivität - das obskure Objekt der Beunruhigung; Flirten - Spiel mit dem Feuer; Zahnarzt - Behandlung am Nerv der Seele; Zur psychologischen Gegenständlichkeit der Dinge; Kulturpsychologie – Wie und Warum; Tamagochi auf der Couch; OTTO RANKs Analyse der Weiblichkeit im Spiegel der ANAÏS NIN; Film, Bildende Kunst, Literatur; Flirt mit dem Bösen; Lebenskrisen und Behandlungsanliegen; UFO: Das Unbestimmte als Ding; Geschmacksentwicklung (Marketing-Zielgruppen); Jugend ’96: Schmerzlos im Paralleluniversum; Horoskope – Anspielungen. die vom Himmel fallen; ALBRECHT DÜRERs »Melencolia I« ; Formel 1 – wenn Seelisches auf Touren kommt ; Kunst-Provokation WOLFF VOSTELL; Kino als Medium des Wandels; Millenium – Sehnsucht nach Sinn; Tageslaufpsychologie; Hinter den Kulissen des Seelenbetriebs; Die Daily Soap als Sammlungsritual.
Im Laufe der Jahre hat sich nicht allein die Morphologie weiterentwickelt, auch die Gestalt der ZWISCHENSCHRITTE hat sich gewandelt. Sprache und Bild als Ausdrucksformen und Artikulationsmöglichkeiten seelischer Prozesse sind näher aneinandergerückt, deutlich sichtbar in Aufmachung und Ausstattung.
Die Zeitschrift macht nun einen neuen Schritt. Mit diesem Heft beginnend, wird sie in Zukunft im Psychosozial-Verlag erscheinen, jeweils im Oktober.
Im Rahmen dieses psychoanalytisch orientierten Verlags kann sie sich als zugehörig und eigenständig zugleich weiter profilieren. Anders als bisher der Brauch, wird es in nächster Zukunft ein Heft pro Jahr geben, und die Beiträge werden um ein Thema zentriert sein. In der Planung sind zum Beispiel Themen wie »Psychologie der Kleidung«, »- des Films«, »- der Reise«, »- der Kultur«, »Schmutz und Reinheit im Psychologie-Betrieb (Methoden)«. Stärker als bisher öffnen sich die ZWISCHENSCHRITTE auch für Autoren mit »verwandtem« psychologischen Blick.
An dieser Stelle möchten wir noch einmal all jenen ausdrücklich danken, die in der Vergangenheit und Gegenwart an der Gestaltung der Zeitschrift mitgewirkt haben. Insbesondere gilt unser Dank THOMAS MALZKORN und KONRAD SCHAEDLE für Design und gestalterische Umsetzung – aber auch den Autoren und Lesern der »Beiträge zu einer morphologischen Psychologie«, die der Zeitschrift in all den Jahren treu geblieben sind und es hoffentlich auch in Zukunft sein werden. Neue Leser möchten wir an dieser Stelle auf daß herzlichste begrüßen.
ARMIN SCHULTE
>Traum und ...< scheint das Bauprinzip des Heftes zu sein. Das ist richtig und falsch zugleich. Gewiß, der Traum wird in vielfältige Zusammen- hänge gestellt – mit Film, Oper, Literatur, Sport, Talmud, Werbespots, therapeutischer Behandlung, Deutbarkeit, Märchen, Kunst. Und die Bei- träge folgen aufeinander nach dem Prinzip einer Collage. Sie werden jedoch zusammengehalten durch eine gemeinsame Perspektive. Es geht darum, den Blick für das zu öffnen, was der Traum dem Menschen zu zeigen hat. Das gelingt umso besser, je klarer der Traum nicht als geson- dertes Phänomen, sondern im Übergang zum Alltag wie zur Kunst behandelt wird.
Der Traum läßt uns, purer als andere Gebilde, eine Art seelischen >Urstoff< und die Aufgaben unseres Gestaltens spüren. Er macht uns vertraut mit der Reichweite seelischer Verwandlung, indem er unsere Alltagsverfassung so weitgehend lockert, daß wir die Qualität des Unfaßbaren und Fragmentarischen, das allen Gestaltungen zugrundeliegt, nicht mehr leugnen können. Das macht er nicht abstrakt, etwa nach Art eines philosophisch-psychologischen Lehrbuchs, sondern indem er die am Tage aufgekommenen Verwandlungsprobleme traktiert. Häufig geschieht das mit einer außerordentlich genießbaren Leichtigkeit. Doch Nacht für Nacht erhalten wir auch unsere Lektion über die begrenzte Reichweite unseres Bestimmen- und Verfügen-Könnens.
Begeistert oder erschüttert, entrüstet oder zustimmend sehen wir uns gezwungen – wenn wir den Traum denn ernst nehmen –, die Auflösung unserer Zusammenhang stiftenden Tagesgeschichten zu akzeptieren. Auf diese Weise zeigt uns der Traum, wie in einem Umkehrbild, mit welchem Arsenal von Vorkehrungen, Vereinbarungen, Regelungen, Fest-Setzungen wir einen Alltag konstruieren, um uns vor der Wackeligkeit der Traumverfassung zu schützen.
Eine weitere Gemeinsamkeit der Beiträge liegt in der Hochschätzung der Beschreibung als Königsweg (qualitative Methode) zu den Phänomenen des Verhaltens und Erlebens. Beschreiben heißt hier nicht. eine Reihe von Merkmalen zusammenstellen. Es hat vielmehr mit einer Auffassungsweise zu tun, die den Phänomenen ihre eigentümliche Befremdlichkeit zubilligt und den sogenannten naturwissenschaftlichen Überrumpelungsverfahren mißtraut. Im menschlich-allzumenschlichen Seelenleben versteht sich nichts von selbst. Wenn wir beobachtend und beschreibend unsere Alltagssicherungen in Gestalt von Konzepten einmal aufgeben (dazu gehören Mut und methodische Disziplin), zeigt sich das seelische Geschehen als ein Gebilde, über das wir uns nur wundern können.
Die Psychologie des 18. Jahrhunderts, damals von KARL PHILIPP MORITZ »Erfahrungsseelenkunde« genannt, spricht vom »unbegreiflichen Wunder«, das man wieder erfahren kann, wenn man die Phänomene aus ihrer »alltäglichen« Einordnung herauslöst. Dazu gehört auch die Ein- schätzung, daß es nicht ein Träumer ist, der einen Traum >macht<, sondern ein Etwas, nämlich der Verwandlungsbetrieb unserer Unternehm- ungen. Was das Wunder angeht, formulieren wir heute etwas vorsichtiger: »Das Besondere der Traum-Verfassung ist die Verwunderung – wir werden gebannt durch Verwandlung«, schreibt WILHELM SALBER in »Traum und Tag«.
Kein Beitrag leugnet, daß es die Psychoanalyse SIGMUND FREUD ist, die unser psychologisches Verstehen des Traumes geformt hat. Selbst wenn der morphologische Ansatz nicht mehr vom Konzept verdrängter infantiler Wünsche und deren insgeheimer halluzinatorischer Erfüllung ausgeht, sondern von der Gestalt-Verwandlungs-Problematik, so wird nicht übersehen, daß FREUD es war, der dem Traum Gestalt und Konstruktion zuerkannt hat.
Eine weitere Differenz zwischen Psychoanalyse und psychologischer Morphologie liegt darin, daß die Leistung des Traumes nicht im Hüten des Schlafes gesehen wird, sondern in der Vergewisserung des Träumers, daß er, obwohl schlafend, doch lebendig ist.
Und, last not least, Kunst wird in den Beiträgen dieses Heftes nicht als ästhetisches Extra angesehen, schon gar nicht als »Naturschutzpark der Phantasie«, sondern als Selbstdarstellung seelischen Zusammenhangs, beziehungsweise als Selbstverständigung des Seelischen über seine verwunderliche Eigenart. In dieser Hinsicht ahmt Kunst den Traum nach.
Daß der Traum von den Dichtern bedacht wurde, bevor es eine wissenschaftliche Disziplin >Psychologie< gab und auch danach, ist ein Allgemeinplatz. Dennoch überrascht es immer wieder zu sehen, auf welche Einsichten die Schulpsychologie aus verfahrenstechnischen Gründen meint verzichten zu können.
Die Beschäftigung mit dem Traum bedarf keiner besonderen Begründung. Als Alltagsphänomen ist er nicht wegzudenken. Er ist so notwendig und selbstverständlich wie Atmen, Trinken, Urinieren – eine Grundfunktion eben. Ohne Träumen geht es nicht. Die Fragen, mit denen der Traum uns versieht, sind nicht mit dem Gedenken an seine hundertjährige psychologische Erforschung zu erledigen. Daran soll dieses Heft erinnern.
LINDE SALBER & ARMIN SCHULTE

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Vor fast zwanzig Jahren – im Juli 1982 – erschien die erste Ausgabe der ZWISCHEN- SCHRITTE mit Beiträgen zu einer >morpho- logischen Psychologie< (s. Stichw. S.162), auf Initiative von Studierenden am Psycho- logischen Institut II der Universität Köln. Als Studenten wunderten wir uns damals da- rüber, daß die spannenden Untersuchungen einer Vielfalt von Alltagskulturen, die in Se- minaren, Vorlesungen und Forschungspro- jekten behandelt wurden, zwar in den zahl- reichen Veröffentlichungen von WILHELM SALBER ihren Niederschlag fanden, ein Forum für die breitere Öffentlichkeit jedoch fehlte. Im Editorial des ersten Heftes hieß es, die ZWISCHENSCHRITTE wollten »ein Publikations- und Diskussionsforum« bereit- stellen »mit dem Ziel, einen Überblick über Arbeit und Entwicklungen an der Universität, vor allem aber auch über Anwendung und Umsetzung der Morphologischen Psychologie in der Praxis zu verschaffen.«