Stichwort „Morphologische Psychologie“
In Aufsätzen und Vorlesungen seit Ende der fünfziger Jahre vorbereitet, erschien 1965 das Buch „Morphologie des seelischen Geschehens“. Autor ist WILHELM SALBER, von 1963 bis 1993 Direktor des Psychologischen Instituts der Universität zu Köln. Inzwischen sind von SALBER und Mitarbeitern über fünfzig Bücher erschienen, in denen Alltagskultur, Medien und Künste des Seelischen, sowie die Geschichte der Selbst- behandlung des Seelischen aus morphologischer Perspektive analysiert werden. Nicht ein eng umgrenzter Wirklichkeitsbereich im Sinne aka- demischer Prüfungsfächer steckt das Können dieser Psychologie ab, sondern das Konzept.
Morphologische Psychologie hat ihre Wurzeln bei den französischen Moralisten, bei GOETHE und – wie die tiefenpsychologischen Schulen zu Beginn des 20. Jahrhunderts – bei FRIEDRICH NlETZSCHE. Seine Psychologie vom Kräftespiel einer Vielzahl von Willen zur Macht, die um Vorherrschaft ringen, (von ihm „Morphologie“ genannt), GOETHEs Konzept vom Ur-Phänomen und von der Versatilität der Organe, FREUDs akribische Analyse seelischer Kunstruktionen, sowie die Ansätze von Ganzheits- und Gestaltpsychologie haben die Aufmerksamkeit geschärft. Der morphologischen Psychologie geht es, wiederum im Sinne GOETHEs, eher darum unser Wissen zu klären, als es zu mehren.
Das seelische Geschehen weiß sozusagen über sich Bescheid. Es fragt nicht danach, wie es zustandekommt und in sich zusammenhängt. Das vollzieht sich gleichsam von selbst. Aber wir mischen uns auch ein, machen uns einen Reim auf das, was wir tun oder lassen. Wir wollen verstehen, was da am Werk ist, wenn sich Sinn oder Unsinn einstellt. Schließlich wüßten wir gern, woran es liegt, wenn unsere Unternehm- ungen glücken oder danebengehen. Bereits auf vorwissenschaftlicher Ebene machen wir uns also etwas zurecht, das helfen könnte, dem Sich- Verstehen seelischen Zusammenhangs hinter die Schliche zu kommen.
Dabei folgen wir einer Art Seherfahrung. ln Ermangelung des göttlichen Blicks betrachten wir das ganze aus einer bestimmten Perspektive. Das hört nicht plötzlich auf, wenn es wissenschaftlich, das heißt methodisch kontrolliert und systematisch betrieben wird.
Morphologische Psychologie folgt der Seherfahrung, daß alles Lebendige wirkt, indem es sich bewegt, entwickelt, entfaltet. Aber sie ist auch beeindruckt von dem Sachverhalt, daß sich alle Verwandlung zu fassen sucht in anschaulichen Gestalten (morphe = Gestalt, Form, Aussehen), die unseren Möglichkeiten und Entwürfen der Verwandlung eine zeitlang die Richtung weisen.
Wenn wir beobachtend und beschreibend verfolgen, wie Seelisches aus Seelischem hervorgeht, brauchen wir Übergangsbegriffe, eine Sprache, die sich mit dem flüchtigen Gebilde mitbewegen kann. Die herkömmlichen Begriffe wie Denken, Fühlen, Wollen sind zu grob, auch wenn sie nach ihrer Rückkehr aus Amerika nach dem zweiten Weltkrieg nun Kognition, Emotion und Volition heißen. Sie zerschnipseln die nach gestalt- hafter Logik zusammenhängenden Formen des Verhaltens und Erlebens. Die den Naturwissenschaften entlehnten, sogenannten empirischen Verfahren der Forschung tun das ihrige hinzu, wenn sie Verhalten und Erleben unter den künstlich geschaffenen Umständen von Experiment oder Test erfassen wollen oder mithilfe von Fragebogen auf der Oberfläche der Meinungskundgabe surfen.
Gegenstand morphologischen Sehens Fragens und Erfassens sind die bildhaft-anschaulichen Phänomene alltäglich gelebten Zusammenhangs, nicht aber vom gesellschaftlich- kulturell geprägten Ganzen isolierte Verhaltenspartikel. Das bedeutet nicht diffuses Mitschwingen mit dem großen und ganzen Gewoge, sondern klares Herauspräparieren seelischer Verhältnisse.
Dann zeigen sich Paradoxien als Grund seelischer Unruhe: das Indem von Werden und Vergehen, die Untrennbarkeit von Alles- Werden und Etwas-Sein, die unfaßbaren Kehrtwendungen von Kontinuität und Fragmentierung, die Kippfigur von Glück und Unglück, das befremdliche Fest- halten an Besessenheiten wider besseres Wissen. So stellen es auch die Märchen dar. All dieses und vieles mehr sucht das Seelische mit seinen Unternehmungen zu behandeln, immer wieder neu und anders, es gelingen ihm nämlich keine Verwandlungen ohne Rest.
Denn das seelische Geschehen ist geschichtlich, und es formt seine widerstrebenden Tendenzen in gelebten Geschichten, ganz ähnlich wie sie die Dichter beschreiben. Und es baut sich eine Alltagswelt, die es vor den Paradoxien schützen soll.
Eine Psychologie, die wie die morphologische Psychologie vor den konstitutionellen Komplikationen seelicher Selbstbehandlung nicht morali- sierend die Augen verschließt, löst bei politischen Hauruck-Praktikern Unbehagen aus, weil der BRECHTsche Spruch nicht mehr hilft: „Wir wären gut und nicht so roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so.“
Morphologische Psychologie vollzieht sich mit dem Staunen, oft auch mit einem Lächeln über die Kunststücke seelischer Selbstbehandlung: Wie es sich etwas sagen und zugleich verbergen kann, wie es aus Stroh Gold machen kann, wie es immer wieder über sich selbst hinauszu- wachsen sucht und auf der Stelle bleibt, wie es etwas festschreibt, indem es bereits auf der Flucht ist ...
Mag sein, daß die Beachtung der psychästhetischen Eigenart der Phänomene den morphologisch gebildeten Psychologen vor der Erschütter- ung durch die Ungereimtheiten seelischen Funktionierens bewahrt. Aber immerhin hält er an seiner Verwunderung fest und verzichtet auf die Allmachtsgebärde des vermeintlich alles steuernden Bescheidwissers. Anders steht es mit den „Experten“ der akademischen Anpassungs- psychologie, die mit ihren sogenannten exakten Verfahren die Explosibilität seelischer Prozesse durch Verlangweiligung entschärft und das seelische Geschehen für Prüfungszwecke mundgerecht portioniert.
LINDE SALBER & ARNIM SCHULTE, Auszug aus: ZWISCHENSCHRITTE 19. Jahrgang 2001